Nachdem die letzten vier Wochen Funkstille herrschte, muss ich nun endlich mal wieder die Finger in die Tasten hauen und von dem „ganz alltäglichen Erasmusleben“ berichten. Doch zunächst ein paar Zeilen zu zwei anderen, sehr berichtenswerten Ereignissen. Als ich das letzte Mal schrieb, schien ich ja geradezu optimistisch, endlich ein tolles Zimmer gefunden zu haben. Das entpuppte sich dann jedoch als doch nicht so wirklich toll, auf einmal war der Preis deutlich höher und so ein paar Zweifel hatte ich dann doch auch bezüglich meiner etwaigen Mitbewohnerin. So hieß es dann – wie die Woche davor schon einmal – weitersuchen! So richtig Lust hatte ich schon nicht mehr, aber ein Zimmer musste ja her und am besten auch noch ein wirklich schönes, damit sich die über 300 Euro Miete auch lohnen würden. Dann, endlich, zwei Tage nach der letzten Pleite fand ich das perfekte Zimmer in der perfekten Wohnung!
Nun wohne ich seit zweieinhalb Wochen in Besiktas (den Fußballfans wird das zumindest vom Namen her etwas sagen) mit meiner türkischen Mitbewohnerin Kübra. Mein Zimmer ist nicht gerade riesig, aber dafür haben wir ein ganz tolles geräumiges Wohnzimmer, welches auch genug Schlafplätze bietet, um maximal drei Leute gleichzeitig zu beherbergen. Dies als kleiner Anreiz für alle Reisewilligen... ;-) Sehr schön ist natürlich auch, dass ich eine türkische Mitbewohnerin habe. Zwar spricht sie sehr gut Englisch und Spanisch, sodass wir uns zurzeit noch nicht auf Türkisch unterhalten – aber mein angepeiltes Ziel für die nächsten Wochen ist es, das zu ändern. Nun wohne ich also in einer schönen Wohnung mit einer netten Mitbewohnerin und dazu noch in recht zentraler Lage. Wenn man das in Istanbul überhaupt über irgendeinen Ort sagen kann. Nach Taksim (shoppen und abends weggehen) brauche ich mit dem Bus oder Sammeltaxi fünf bis 15 Minuten, je nach Verkehrslage. Zu meiner Uni schaffe ich es in ungefähr einer Dreiviertelstunde, auch eine vertretbare Zeit. Nicht nur die Bushalte- und Sammeltaxistelle sind sehr nah, auch ein Fährenanlege- und -abfahrtspunkt (nennt man das Hafen? Ich bin verwirrt...) ist direkt bei uns in Besiktas. Einkaufstechnisch kann ich mich ebenfalls nicht beklagen, der nächste billige Supermarkt ist 20 Meter bei mir die Straße runter, weitere drei befinden sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Und was wäre die perfekte Wohnlage ohne eine Moschee? Die ist ca. 50 Meter die Straße runter, gehört habe ich bisher aber kaum etwas. Die Muezzine schreien hier sehr dezent – die Lautsprecher werden also nicht bis zum Anschlag aufgedreht wie im Jemen. Auch habe ich noch keinen Muezzin ins Mikor husten oder pusten hören. Die Jemen-Erfahrenen unter euch wissen vielleicht, worauf ich anspiele ;-)
Etwas sehr Beeindruckendes konnte ich nun als Besiktas-Bewohnerin am letzten Wochenende miterleben und es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein! Um vier Uhr nachmittags ging ich gerade von Erasmusfreunden, die auch in Besiktas wohnen, nachhause. Das sind fünf Minuten zu Fuß. Normalerweise. An jenem Tag war jedoch alles anders: Menschenmassen über Menschenmassen in den Straßen, alle schwarz-weiß gekleidet. Gut, dass ich die gleichen Farben trug. Nun konnte ich mir also schon zusammenreimen, dass Besiktas an diesem Tag spielen würde. Als ich eine Stunde später wieder aus dem Haus ging, um mich mit einer Freundin zu treffen (wir wollten mit dem Bus nach Taksim fahren), kam ich nur sehr mühevoll voran. Die gesammelten Massen der Fußballfans hatten sich nämlich zusammengefunden und sind fröhlich singend Richtung Stadion (das auf dem Weg nach Taksim liegt) gewandert. Ein wirklich beeindruckendes Schauspiel! Wir beiden Mädels dachten also, das Spiel wäre gut für Besiktas ausgegangen und die Leute machen sich nun den Sieg besingend auf den Weg nachhause respektive zum Stadion, um dort quasi an der Wirkungsstätte ihrer Helden weiterzufeiern. Je weiter wir mit dem Bus Richtung Stadion kamen, desto voller wurde es auch und wir waren froh, als wir das Stadion hinter uns gelassen hatten. Da die Straße oberhalb des Stadions vorbeiführt, konnten wir sehen, dass dort noch ein paar Fans saßen. Das dachten wir zumindest. Als wir zwei Stunden später wiederkamen, wurden wir aber eines besseren belehrt: Nun war das Stadion nämlich voll besetzt, das Spiel voll im Gange. Das hieß also, dass das, was wir vorher als „Siegesfeier“ interpretiert hatten, nur das Aufwärmen vor dem Spiel war... Was ich zu jenem Zeitpunkt auch nicht wusste: Das Spiel war ein Derby! Und zwar gegen Galatasaray. Ein aufregenderes, emotionaleres Spiel kann es also kaum geben... Als ich dann zuhause gemütlich vorm Fernseher saß, konnte ich das Tor von Besiktas auch nicht verpassen. Aus allen Wohnungen um mich herum schallte ein unglaublicher Jubel herüber, sodass ich dann doch auch per Liveticker im Internet ein bisschen mitverfolgen wollte, was da so passiert. Besiktas hat das Derby tatsächlich gewonnen und ist damit Tabellenführer. Und dann ging draußen wieder die Post ab: Autokorsos ohne Ende bei uns am Fenster vorbei, tanzende und singende Menschen auf der Straßen. Das einzige Mal, dass ich so eine Euphorie in Deutschland erlebt habe, war die WM 2006. Die gehen hier JEDES Mal so ab, das ist unglaublich! Ich möchte mir nicht ausmalen, wie es wird, wenn Besiktas die Meisterschaft oder den Pokal gewinnen sollte. Dann wird wohl Ausnahmezustand herrschen...
Ein weiteres Ereignis, das mich extrem begeistert hat, war das Istanbuler Schneechaos vor knapp drei Wochen. Da diese Nachrichten ja sogar bis nach Deutschland gedrungen sind, kann man sich vorstellen, dass es wirklich außergewöhnlich war für die Stadt. Das ganze Land war eingeschneit, wir hatten hier in Istanbul in der Stadt über 20 cm Schnee liegen! Man stelle sich Berlin mit 20 cm Schnee vor... Es fing Samstag morgens an zu schneien und hörte bis Sonntag nicht mehr auf, da ich den halben Tag und die halbe Nacht durch die Stadt lief, bekam ich auch relativ viel davon mit. Abends lieferten wir uns Schneeballschlachten und schlitterten die steilen Straßen runter, das hat Spaß gemacht – wie die kleinen Kinder halt :-) Nach zwei Tagen war der Spaß dann auch wieder vorbei, extremes Tauwetter setzte ein und nun haben wir eher frühlingshafte Temperaturen, die auch nicht zu verachtern sind ;-)
Jetzt habe ich immer noch nicht von dem ganz alltäglichen Erasmusleben berichtet. Es fängt zunächst einmal damit an, dass meine Uni hier echt so was von verplant ist, das hätte ich kaum für möglich gehalten. Obwohl ich schon vorgewarnt wurde: Immer, wenn mich ein Türke fragt, an welcher Uni ich denn wäre, kommen schockierte bis mitleidige Blicke als Reaktion, wenn ich den Namen meiner Uni nenne. Naja, was solls – ich bin ja nicht zum Studieren hier! Beispiel Nummer 1: Ich gehe zum allgemeinen Erasmusbüro, dort erfahre ich, dass unser Orientation Meeting am 13. März sein wird. Die Uni fängt offiziell am 3. März an – erkennt jemand den Sinn darin, das Orientierungstreffen zehn Tage später zu machen?! Übrigens hatte die Erasmuskoordinatorin meiner Fakultät hier gesagt, dass Treffen wäre am 26. Februar. Nunja... Beispiel Nummer 2: Ich frage, wann denn die Sprachkurse anfangen. Die allgemeine Erasmuskoordinatorin antwortet im Brustton der Überzeugung: „Es gibt keine Sprachkurse!“. Wobei meine Fakultätskoordinatorin wiederum gesagt hatte, die Sprachkurse würden ebenfalls am 26. Februar beginnen.
Sie hatte übrigens Recht, wie ich mithilfe anderer Erasmusstudis aus Deutschland herausfinden konnte. Ich habe es dann also wirklich nach einigen Anstrengungen geschafft, einen Sprachkurs zu ergattern. Das Highlight kam direkt zu Beginn, denn wir durften sofort einen Einstufungstest machen – ohne Vorbereitung. Trotzdem wurde ich in dem Mittelkurs eingestuft, keine Ahnung, wie man das rechtfertigen möchte. Den Kurs habe ich nach vielem Hin- und Herüberlegen dann jedoch nach zwei Tagen wieder aufgegeben. Zum einen störte mich die Intensität (vier Tage die Woche, drei Stunden täglich), die mir kaum erlaubt hätte, noch viele andere Kurse zu besuchen. Zum anderen, und das war ausschlaggebend, war dieser Kurs einfach nur demotivierend für mich. Außer mir und dem anderen deutschen Erasmusmädel bestand die Klasse nämlich ausschließlich aus Menschen zentralasiatischer Staaten. Die haben alle eine Turksprache als Muttersprache, sind schon länger in der Türkei und haben die niedrigeren Kurse des Sprachzentrums bereits absolviert. Sie können also quasi alles – die Grammatik, die Wörter, sprechen. Und ich kam mir einfach nur extrem dumm vor, was der Lehrer auch noch dadurch verstärkte, dass er zu uns beiden Mädels meinte, wir hätten ja einiges nachzuholen. Wir wären ja deutlich schlechter als die anderen. Ja, danke! Es mag ja unter Umständen Mensche geben, die so etwas motiviert. Ich gehöre definitiv nicht dazu. So habe ich mich also entschieden, auf diesen Sprachkurs zu sch***** und in fleißiger Heimarbeit das aufzuarbeiten, was ich vor eineinhalb Jahren schon einmal konnte und dann wieder vergaß bzw. was ich noch nie konnte.
Bisher hat das mit der Heimarbeit noch nicht ganz zufrieden stellend geklappt. Und nun kommen wir zum wirklich alltäglichen Erasmusleben: Es gibt einfach zu viele Partys, als dass ich dazu kommen würde, fleißig zu sein :-) Aber ich gelobe Besserung, zumal die Uni ab nächste Woche auch wirklich anfangen soll. Wer aufmerksam mitgelesen hat, wird sich nun fragen, warum die Uni nicht schon diese Woche angefangen hat. Wir sind an der IU (Istanbul University, so der Name meiner Uni)! Da sieht man das alles nicht so eng... Immerhin habe ich mich diese Woche mit meinen drei Leidensgenossen eingeschrieben. Wir sind vier deutsche Erasmusleute, Mara aus Köln, Filiz aus Mannheim/Berlin, Ercin aus Augsburg und ich. An den Namen sieht man schon, dass zwei Deutschtürken unter uns sind, welch ein Glück! Wären Mara und ich alleine hier und müssten alle Dinge mit unserem kaum vorhandenen Türkisch klären – eine Katastrophe... Die Politikfakultät ist was Organisation anbelangt scheinbar noch schlimmer als die Uni im Allgemeinen. Ein Typ dort meinte schon zu mir „Welcome to Turkish hell!“. Dass er das so ernst gemeint hatte, war mir nicht bewusst gewesen... Nun gut, aber besonders dank der guten Türkischkenntnisse von Filiz und Ercin haben wir es geschafft, unsere Kurse zu wählen, sodass wir uns dann ordnungsgemäß einschreiben konnten. Ich habe insgesamt fünf Kurse gewählt: Politische Soziologie, Türkische Außenpolitik, Vergleichende Regierungslehre, Staat und Gesellschaft in Entwicklungsländern ...und... Diplomatenenglisch! Letzteren Kurs habe ich mir quasi als Entspannung „gegönnt“,hoffe ich mal. Ich habe nämlich das höchste Level genommen (Level acht), einerseits weil ich denke, dass die Mehrheit der Studierenden hier nicht wirklich gut Englisch kann, andererseits weil der Kurs zeitlich besser liegt. Der Sechserkurs (Level sechs) wäre Freitag morgens um neun Uhr – das ist nun wirklich zu früh! ;-) Meine anderen Kurse werden alle auf Türkisch sein, da bin ich echt mal gespannt, wie viel ich von den Inhalten verstehen werde.
Nun gibt es eigentlich noch einige andere Dinge, über die ich schreiben könnte, aber mein Türkischbuch liegt neben mir und guckt mich ganz vorwurfsvoll an – also will ich mal fleißig sein (Optativ im Türkischen! ...das für die Turkologen und Grammatiknazis....) und melde mich hoffentlich bald wieder :-)
Liebe Grüße aus Besiktas,
eure Gesa
Freitag, 7. März 2008
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